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Zentrales Besprechungsorgan von keinVerlag.de Ausgabe 89/2006 - Saturday, 21. October 2006
Ein ergreifendes und schockierendes Meisterwerk
Borger & Straub: Kleine Schwester. Zürich (Diogenes), 2004 - Eine Rezension von Schreiberling

Bibliografische Daten:
Verlag: Diogenes
Ort: Zürich
Erscheinungsjahr: 2004
Preis: 8,90 Euro
ISBN: 3257233906

Wie eine Kindheit in den Keller gesperrt wird! Martina Borgers und Maria Elisabeth Straubs schockierendes Meisterwerk Kleine Schwester
Wir sind nur irgendwie ins Unglück geraten, alle zusammen. Wir haben nie etwas Böses gewollt, wir wollten nur eine glückliche Familie sein, sonst nichts.“ Dieser Satz stammt von der kleinen, zwölfjährigen Lilly. Sie sitzt auf einem Polizeirevier einer Beamtin gegenüber und schweigt. Sie schweigt, weil sie die Erinnerungen an ihre Kindheit nicht in Worte fassen kann. Die Erinnerungen an den Zerfall einer Familienidylle und die Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse, wie zum Beispiel den Anblick ihrer kleinen Pflegeschwester Lotta, als diese völlig apathisch, abgemagert und verlaust im düsteren und feuchten Keller der Familie ausharren muss.

In chronologischer Reihenfolge wiederholen sich die Ereignisse in Lillys Gedächtnis, während sie versucht den Fragen und den Blicken der Polizistin auszuweichen.

Die Eltern Ela und Claus wollen unbedingt noch ein zweites Kind. Als es auf dem natürlichen Wege nicht zu klappen scheint, beschließen sie, einem Heimkind ein neues Zuhause zu geben. Für Lilly ist dies keine einfache Situation, sie kann anfangs nicht verstehen, dass das kleine Mädchen, das sich ihre Eltern „ausgesucht“ haben, plötzlich ihre Schwester sein soll. Sie ist eifersüchtig, weil Lotta mehr Aufmerksamkeit bekommt als sie selber. Doch irgendwann wendet sich das Blatt. Lotta ist geistig zurückgeblieben, und die Eltern haben große Schwierigkeiten mit der Erziehung. Die Mutter beginnt zu trinken, weil ihr die ganze Situation über den Kopf wächst und sie immer mehr an Lotta verzweifelt. Irgendwann fangen die Eltern an, Lotta mit Tabletten ruhig zu stellen. Sie schämen sich für ihr Pflegekind und sperren Lotta immer öfters in den Keller. In dieser Zeit ist es Lilly, die sich hauptsächlich um Lotta kümmert, ihr zu essen bringt und sie wäscht.

Die ganze Zeit über stellt sich der Leser die Frage: „Warum haben die Eltern das Kind nicht einfach wieder ins Heim gegeben?“ Eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, dass nach dem Umzug der Familie die Nachbarn nicht einmal etwas von Lottas Existenz wussten. Die Situation scheint immer schlimmer und aussichtsloser zu werden, bis sich Lilly endlich zum schwersten Schritt ihres bisherigen Lebens durchringt...

Dem Autorinnenduo Martina Borger und Maria Elisabeth Straub, die beide eigentlich aus der Filmbranche kommen, ist mit ihrer Erzählung, die auf trauriger Wirklichkeit beruht, ein ergreifendes und schockierendes Meisterwerk gelungen. Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive Lillys. Dies ist zunächst gewöhnungsbedürftig, da auch die Wortwahl sehr kindlich wirkt, aber es verdeutlicht auf unmittelbare Weise die Gefühle des kleinen Mädchens. Ihre kindlich-naive Denkweise und ihre Art, sich die Probleme der Familie verständlich zu machen und sie zu verarbeiten, lässt den Leser auf eine ganz besondere Weise in die Geschichte eintauchen.

Der Fluss der Geschehensverlaufes wird immer wieder unterbrochen: Beinahe jedes Kapitel wird dadurch eingeleitet, wie die Kleine, die von Schuldgefühlen gegenüber ihren Eltern und ihrer kleinen Stiefschwester geplagt wird, der Situation auf dem Polizeirevier ausgesetzt ist. Durch diese regelmäßig wiederholten Zäsuren der Rahmenerzählung wird der Leser aus dem Sog des gelegentlich heiteren, meistens jedoch traurigen Ereigniszusammenhanges immer wieder herausgezogen. Dies erleichtert das Lesen, da man sich nicht gleich mit der ganzen Familientragödie konfrontiert sieht, also immer wieder ein wenig Zeit hat, um das eben Gelesene mehr auf sich wirken zu lassen.

Dann aber wird der Leser erneut hineingerissen in eine Achterbahn der Gefühle, die ihn von der ersten Zeile bis zum furchtbaren Ende nicht loslässt.
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