Vorige Ausgabe
Nächste Ausgabe
Kommentare
Gesamtübersicht
keineRezension.de - das zentrale Besprechungsorgan von keinVerlag.de
Zentrales Besprechungsorgan von keinVerlag.de Ausgabe 291/2013 - Wednesday, 17. April 2013
Geschichte einer Kindheit
Uli Bergmann: Doppelhimmel. Bonn (Free Pen Verlag), 2012 - Eine Rezension von erasmus

Bibliografische Daten:
Verlag: Free Pen Verlag
Ort: Bonn
Erscheinungsjahr: 2012
Preis: 12,90 Euro
ISBN: 3938114770

Geschichte einer Kindheit in den beiden Teilen Nachkriegsdeutschlands
Ulrich Bergmann hat in seinem Roman „Doppelhimmel“ nicht nur viel Freude an dem Spiel mit Wörtern, sondern auch an philosophischen Reflexionen über Gott, das Leben und den Tod. Es ist die Geschichte der Kindheit des im vorletzten Kriegsjahr des 2. Weltkriegs geborenen Janus Rippe, der in Halle/Saale bei seiner Mutter Usch in den Gründerjahren der sozialistischen DDR aufwächst und vom Bildungsbürgermilieu im Hause seiner Großeltern Carl und Mama Louise, den Eltern seines verschollenen Vaters Robert, in seiner Gedankenwelt wesentlich geprägt wird. Hier begegnen dem jungen Janus widerspruchsfrei neben klassischer Literatur und Musik und deutschen Volksliedern die Begründer des Marxismus-Leninismus und die Aufbruchsstimmung im sozialistischen Aufbaugesang. Nicht nur hier wird deutlich, dass der Name Janus sprechend ist, dem doppelgesichtigen römischen Hausgott entlehnt, der Ein- und Ausgang des Hauses, hier unseres Deutschen Hauses, beschützend im Auge hat.

Das Schicksal nämlich führt Janus im Alter von zehn Jahren fort von seiner Mutter und der geliebten Heimat Halle/Saale im sozialistischen Osten Deutschlands hin zu seinem spät aus russischer Gefangenschaft heimgekehrten Vater in den kapitalistischen Westen über Bochum nach Bonn.
Der Titel des Romans „Doppelhimmel“ heiligt gleichsam im christlich-mythologischen Bild des Himmels die Verbindung beider Modelle des Nachkriegsdeutschlands, vorausgesetzt es gelingt, „Religion durch Vernunft zu überwinden und Ideologie mit dem Herzen zu bereichern, und wenn dieser Prozess ein offener, nur an der sozialen Idee orientierter Weg zum unausgebeuteten, sich selbst bestimmenden und erlösenden Menschen wäre, (…) wenn also der Sozialismus ein menschliches Antlitz erhielte, [dann, Ergänzung von mir] könnte es gelingen , die Welt doch noch zu verändern.“ So lautet das politische Bekenntnis des Großvaters Carl, das in einem von ihm verfassten Aufsatz für das Feuilleton der „Liberaldemokratischen Zeitung“ im Kapitel "Nocturne" deutlich wird und das der Auffassung des Autors sehr nahe stehen dürfte. Dabei ist sich Uli Bergmann durchaus im Klaren darüber, dass das damals wie heute leider nur ein Traum, eine Illusion ist, deshalb wählt er die Kapitelüberschrift „Nocturne“, womit man in der Musik ein lyrisches Nachtstück von träumerischer Stimmung bezeichnet. Gleichwohl erinnert dieses Credo an Christa Wolfs Dritten Weg, dem Kompromiss zwischen "Weiter wie bisher" und "Einverleibung durch die BRD", wie sie ihn in ihrer Erzählung "Was bleibt"(1990) auf dem Hintergrund der Opferthematik skizziert.

Man kann daher Uli Bergmanns Roman auch als frühen Wenderoman lesen, auch wenn das anachronistisch scheint, da doch die Handlung weit vor der politischen Wende 1989/90 spielt. Es ist die Wende, wie sie sich ehrlicher in den Herzen und Köpfen der Protagonisten vollzieht als die politische Wende Jahrzehnte später, bei der ein Teil Deutschlands den anderen mit dem Versprechen blühender Landschaften und über die Köpfe der Betroffenen hinweg annektiert. Da opfert gleichsam die Mutter Usch schweren Herzens den Sohn Janus ihrem tief empfundenen Schuldgefühl gegenüber dem Mann, den sie geliebt hat, den sie aber, nachdem sie sieben Jahre nach Kriegsschluss immer noch nichts von ihm gehört hatte, für tot erklären ließ, um Hardy, den Richter, heiraten zu können. Usch ist Robert etwas schuldig und steht mit ihrem Opfer zu dieser Schuld.

Uli Bergmann spielt nicht nur mit Gedanken und Reflexionen zu Leben und Tod, zu Kunst und Leben, zu Sein und Zeit, oder mit Bildungsinhalten zur Literatur- und Musikgeschichte, sondern auch mit den erzählerischen Mitteln. Bis zur vom Autor intendierten Verwirrung geht das Spiel mit der wechselnden Perspektive, oft zwischen der denkenden oder handelnden Person und dem Erzähler, wenn z.B. Janus im Kapitel Altius über den Tod nachdenkt und dabei die Reflexionen des Erzählers die Gedankenwelt des Kindes zunehmend beherrschen; so auch später, wenn Usch über das Verhältnis von Traum und Tagwirklichkeit nachdenkt (Der schwarze Rohrstock). Der schnelle Leser weiß dann oft nicht zwischen den unterschiedlichen Perspektiven zu unterscheiden, vor allem wenn die Perspektiven zwischen den Figuren des Romans unmerklich wechseln.
„Das Wahre“, sagt Hegel, „ist das Ganze.“ Die Wirklichkeit im Roman spiegelt sich in den unterschiedlichen Perspektiven aller Figuren, einschließlich der des Erzählers, sie konstituiert sich nicht einfach in dem, was war oder ist, sondern in dem Verständnis darüber. Im Schreiben vollzieht sich die dialektische Einheit von Leben und Denken, nur so wird Schreiben schließlich auch zur Bewältigung des Erlebten. Das gilt für die Vergangenheitsbewältigung von Janus‘ Vater Robert ebenso wie für den Autor Uli Bergmann. Robert fragt sich und Janus nach dem für ihn unbegreiflichen Sinn seiner Kriegsgefangenschaft, die er in Strafgefangenenlagern in Sibirien unter unsäglichem Leid erlebte, die ihm nicht nur Jahre seines Lebens kostete, sondern die ihm auch seine geliebte Familie genommen hat. In diesem die erzählte Zeit überschreitenden Dialog zwischen Vater und Sohn (im Kapitel: Der gestirnte Himmel) rät Janus ihm: „Vielleicht verstehst du es besser, wenn du schreibst“, denn „Schreiben ist nichts anderes“ als das Deuten dessen, was man träumt oder erlebt hat. Und der Autor gibt Robert die Gelegenheit dazu in dem ergreifenden Kapitel „Unter dem Mond“, in dem Robert aus der Ich-Perspektive die entmenschlichenden Zustände in den Gulags schildert, die das wahre Gesicht des Menschen zeigen, das Gesicht vom "Menschen ohne Maske", so der Titel der ungeschriebenen Erinnerungen Roberts, die hier gleichwohl zur Sprache kommen.

Ja, der Roman „Doppelhimmel“ ist autobiografisch, und zwar nicht nur geprägt. Es ist die bewusste Auseinandersetzung Uli Bergmanns mit der Lebensgeschichte des Janus, die bis in Details hinein auch die Geschichte seiner Kindheit ist. Doch dieser Roman ist mehr als nur eine als Fiktion umgeschriebene Autobiografie. In der als Janusgeschichte vergegenständlichten Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit wird die Wirklichkeit des Nachkriegsdeutschland nicht nur dem Autor, sondern auch dem Leser lebendig und trägt zum Verständnis der Menschen in den beiden Teilen Deutschlands bei, die heute eine Einheit bilden.
In anderen Ausgaben von keineRenzension.de:

Herausgegeben von keinVerlag.de. V.i.S.d.P.: Jan M. Zenker, Nordhäuser Str. 9, 06556 Artern, redaktion [at] keineRezension.de. Die hier veröffentlichte Besprechung erschien im Original auf www.keinVerlag.de und gibt die subjektive Meinung des Verfassers/der Verfasserin zum genannten Werk wieder. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Weiterverarbeitung (auch auszugsweise) nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers; Zuwiderhandlungen werden als Verstöße gegen den Urheberrechtsschutz geahndet.