Vorige Ausgabe
Nächste Ausgabe
Kommentare
Gesamtübersicht
keineRezension.de - das zentrale Besprechungsorgan von keinVerlag.de
Zentrales Besprechungsorgan von keinVerlag.de Ausgabe 266/2010 - Tuesday, 28. December 2010
Briefe an p, l und n + 1
Eje Winter: blattgold ein übern andern tag. lettres poétiques 1995 - 2002. mit 10 lichtbildern von steffen kluge. Ludwigsburg (POP-Verlag), 2010 - Eine Rezension von Bergmann

Bibliografische Daten:
Verlag: POP-Verlag
Ort: Ludwigsburg
Erscheinungsjahr: 2010
Preis: 15,00 Euro
ISBN: 3863560000

Authentische Briefe an p., l. und andere Adressaten in drei Kapiteln über Literatur, Gott und die Welt, Leben und Tod. Aus dem Vorwort: "das versenden des ich ... kein geringerer als novalis sprach davon, dass 'der wahre brief', also der nicht nur der reinen kommunikation dienende, 'seiner natur nach poetisch' sei. der wahre brief soll das gemüt des adressaten erregen und hat natürlich beim verfassen auch das gemüt des briefschreibers erregt, denn 'poesie ist' nach novalis 'gemüthserregungskunst' novalis folgend bezeichnet die autorin also die vorliegenden briefe als lettres poétiques."
Ich habe das Buch bis 3 Uhr in der Nacht zu Ende gelesen – mit großer Spannung auf die Abfolge der Gedanken und Briefe und Freude an den poetischen Formulierungen – vor allem im Anfangsmotto und in der Schlussformel.

Der Titel „blattgold ein übern andern tag“ nennt die Kostbarkeit der Briefe und der Korrespondenzen.

Die Struktur überzeugt in allen Teilen. Die Gliederung in drei Kapitel – Briefe an p., l. und andere – bringt Ausführlichkeit und Exemplarisches ins Gleichgewicht.

Die behutsame Redaktion lässt den Brief-Dokumenten ihre Authentizität. Die Auswahl der Briefe und ihre Themen (mit der Literatur und dem Tod im Mittelpunkt) überzeugt mich. Der Umfang (124 Seiten) ist wohl bemessen, und doch: ich hätte gern noch mehr Briefe gelesen.

Der Verzicht auf den Brief-Dialog ist gut begründet. Die Anonymisierung der Namen und Orte wurde vollkommen konsequent durchgeführt, um nicht abzulenken vom Wesentlichen des Ichs, seinen Gedanken und Gefühlen.

Dieses Buch ist im Moment mein Lieblingsbuch.

Wenn ich dann wieder die anderen Bücher eje winters in die Hand nehme – „liebesland“, „kunstwörter“ und „hybride texte“–, wird mich deren Poesie, die dialektisch mit dem Briefbuch korrespondiert, noch zu anderen Erkenntnissen treiben.

Die Komposition von „blattgold“ ist so reif, so verführerisch schön! Und ich meine mit der Schönheit des Worts immer auch die Wahrheit. Schmerzliche Lebensumstände sind nicht ausgeklammert und stehen in einem interessanten Spannungsverhältnis zur metaphorisch beschriebenen Natur von Welt und Umwelt.


lieber p.

hab ganz vielen dank für deinmein gedicht
die renovierungsarbeiten sind so umfangreich
daß die wohnung frühestens nach weihnachten wieder
gesäubert werden und vielleicht an umzug gedacht
werden kann
m. und ich schreinern zwar nicht
versorgen aber rund um die uhr ein zuweilen drei bis
vierköpfiges arbeitsteam mit essen und trinken
also mutter einer garküche zu sein ist auch nicht ganz
einfach wie ich nun erfahren darf
du wirst zum schriftsteller und ich kann den prozeß
mitverfolgen
so lange kennen wir uns jetzt schon
das finde ich sehr schön
ob ein schriftsteller wie ein fallensteller ist die wörter
jagend und fangend und ausstellend in der kleinen
arena des dorfzirkus
die sonne soll dir helfen ab sofort die dunklen stunden
aufzuhellen
bis bald
mit ganz vielen herzlichen wünschen
dich verschüttend

deine e.


Die Zuwendung zum Adressaten der Briefe ist immer sehr herzlich, besonders in den liebevollen Briefen an l, die den Mittelteil (Hauptteil und Achse) des Bandes bilden.

Lettres poètiques – poetische Miniaturen: Ja! Und zwar gilt das sowohl als Ganzes für die Briefe als auch für die einzelnen Aspekte innerhalb der Briefe. Oft sind die Bildgedanken wie Perlen aneinandergereiht. Motive kehren in anderen Briefen wieder, manches wiederholt sich absichtlich – wie der Himmel, der sich von uns Menschen entfernt, wenn wir ihn plündern.

Wohltuend einfach werden auch schwierigere gedankliche Zusammenhänge dargelegt. Das manchmal leicht ironische Glossar („erwähnte namen“) am Schluss des Buchs liest sich wie eine Liste der Themen und ist in jedem Fall hilfreich. Dass aaa ein gläserner Engel ist (eigentlich heißen nur die Batterien, die den Engel zum Leuchten bringen, AAA), war mir unbekannt. Samuel Joseph Agnon, Mark Rosenthal und Asher Reich kannte ich auch nicht. Schon gar nicht „egon“ als Bezeichnung für einen PC. George W. Bush wird lediglich als „Politiker“ charakterisiert... Wunderbar das Wort Zimzum: „nach gershom scholem der raum, der entsteht wenn gott sich zusammenzieht, um platz für die schöpfung zu machen“...

Die 10 Lichtbilder von Steffen Kluge phosphoreszieren auf Doppelseiten zwischen den Briefen.

Alles in allem ein großartiges, ein spannendes Buch!

Ja, Wort und Leben, signum und signatum sind hier mit Blattgold überzogen und leuchten!

25.12.2010
In anderen Ausgaben von keineRenzension.de:

Herausgegeben von keinVerlag.de. V.i.S.d.P.: Jan M. Zenker, Nordhäuser Str. 9, 06556 Artern, redaktion [at] keineRezension.de. Die hier veröffentlichte Besprechung erschien im Original auf www.keinVerlag.de und gibt die subjektive Meinung des Verfassers/der Verfasserin zum genannten Werk wieder. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Weiterverarbeitung (auch auszugsweise) nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers; Zuwiderhandlungen werden als Verstöße gegen den Urheberrechtsschutz geahndet.