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Zentrales Besprechungsorgan von keinVerlag.de Ausgabe 163/2008 - Sunday, 7. September 2008
Menschen und Übermenschen – eine ironische Utopie
Houellebecq, Michel: Elementarteilchen. Roman. Berlin (List), 1999 - Eine Rezension von Bergmann

Bibliografische Daten:
Verlag: List
Ort: Berlin
Erscheinungsjahr: 1999
Preis: 8,95 Euro
ISBN: 3499242559

Die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die nur in einem gleich sind: ihrem persönlichen Unglück und dem Unvermögen, trotz aller Annehmlichkeiten dem Leben Glück abzuringen, das länger dauert als ein Orgasmus. Unvermögen zur Zufriedenheit. Ein Buch über die Rastlosigkeit, die Ruhelosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Illusion menschlicher Liebe, den berechenbaren Verfall, den Verlust der Ehrfurcht vor dem Leben. Verfall von allem, Fleisch, Körpern, Ethik. Vorrede (zur metaphysischen Wandlung und Hymnus vom Ende der alten Welt) Erster Teil: Das verlorene Reich (Kindheit) Zweiter Teil: Die seltsamen Augenblicke ( unverstandenes Leben) Dritter Teil: Emotionale Unbegrenztheit (Abschiede vom alten Leben) Nachrede (2079 – Erschaffung des Übermenschen)
Der Roman "Particules élémentaires" (Paris 1998) – eine gut recherchierte und intelligent erzählte Analyse unserer Zeit – gehört zu den großen Utopien unserer Zeit. Die Rahmenhandlung (Vorrede und Nachrede) aktualisiert Aldous Huxley’s „Brave New World“: Michel Djerzinski findet die genetische Formel zur Erzeugung des geschlechtslosen unsterblichen Übermenschen mit unbegrenzter Lustpotenz. Die neue Gattung verwaltet ihr Leben und alle Probleme der Weltgesellschaft nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Ungerechtigkeit, soziale Gewalt, Krieg und der derzeitige Kapitalismus, der die Welt ökologisch und seelisch zerstört, sind überwunden. Der ungezügelte, schwanzgesteuerte, also marktgebundene Individualismus, dessen Absurdität Houellebecq in drei Teilen erzählt, wird aufgehoben in einer wirklich schönen neuen Welt. Das Scheitern humanistischer Ideale hat ein doppeltes Ende: Es gibt keine Ideale mehr, weil es kein Ideal mehr geben muss. Der Sinn des Lebens ist gleichsam genetisch implantiert: Houellebecq propagiert – schon im Hymnus der Vorrede – die metaphysische Wandlung, das Ende der Notwendigkeit einer Sinn stiftenden Religion, damit die beste aller Welten entstehen kann.

Die Kritik eines immer absurder werdenden Individualismus als notwendige Vorstufe der neuen Welt (Houellebecq entwirft hier in Analogie zu Karl Marx einen ‚Historischen’ und ‚Dialektischen Szientismus’) wirkt in den meisten Aspekten und Partien der Binnenhandlung ironisch, nur der Schluss des dritten Teils ist offenkundig ernst: Angst und Schrecken vor dem Alter münden in Krankheit und Tod.

Bruno Clément (geb. 1956) und Michel Djerzinski (geb. 1958) haben die gleiche Mutter, Janine, aber verschiedene Väter. Weder Janine, eine unglaublich grotesk-horrible Nymphomanin, noch die Väter kümmern sich um die beiden Söhne, sondern verwirklichen sich in ihren individuellen Lüsten und Interessen: Marc Djerzinski in seinen Filmreportagen, Serge Clément in der Schönheitschirurgie und Jagd nach jungen Frauen. Die Halbbrüder wachsen bei ihren Großmüttern auf, Bruno wird nach dem Tod seiner Großmutter in ein Internat gesteckt, in dem er unter Brutalität und Erniedrigung von Kameraden leidet.

Die extremen Bedingungen, unter denen beide Brüder aufwachsen, illustrieren die Paradoxie unserer Zeit: Der Individualismus insbesondere der Wohlhabenden, die ihn sich materiell leisten können, erzeugt Inhumanität – ausgerechnet im Namen des Humanismus! In Wahrheit leben viele, die sich in ihrem Leben ‚verwirklichen’, nur ihre animalische Natur aus und rechtfertigen sich selbstbetrügerisch: Das Innere wird selbstisch gegen ein feindliches Äußeres verteidigt, etwa gegen das die individuelle Freiheit beschränkende und Pflichten einfordernde gesellschaftliche System. Das Ausleben der seelischen und körperlichen Potentiale, deren Überschätzung die grandiose Karikatur des Ferienzentrums „Ort der Wandlung“ im Mittelteil entlarvt, steht über der moralischen Pflicht für die nächsten Mitmenschen. Kants kategorischer Imperativ wird zur ungelebten, leeren Erkenntnis. Houellebecq zeichnet hier das erschreckende Bild einer Generation, die ausgestiegen ist aus der gesellschaftlichen Verantwortung und eingestiegen in den Turbokapitalismus. Der Geist von 68 verkommt in einer hedonistischen Haltung, in der das Leben keinen Sinn mehr hat außer einer zur Ästhetik hochstilisierten Animalität.

Die stilistische Oberfläche passt zu den verschiedenen Bedeutungsebenen, die sich gegenseitig erhellen – Houellebecq wechselt permanent zwischen Erzählpoesie (manche Partien erinnern syntaktisch an Prousts „À la recherche du temps perdu“), essayistischer Darstellung in den geschichtlichen, philosophischen und soziologischen Kommentaren oder Reflexionen und popliterarischen Ficktionen; Jargon und begriffliche Derbheit sind den geschilderten Sexualerlebnissen absolut adäquat und erzeugen so eine zunächst bedrückende Atmosphäre, wegen der immer deutlicheren satirischen Intention aber allmählich eine Wirkung, die ein Lächeln zwischenmenschlichen Verstehens und das Lachen der Erkenntnis stimuliert. Mit Ironie – bewusster Übertreibung, Häufung und Verdichtung der Verhaltensweisen und Episoden der beiden Hauptfiguren, die beide in ihrem Leben entsetzlich traurig scheitern – distanziert sich der Autor von den grotesken Schwächen seiner didaktisch figurierten Antihelden. Die überwiegend popliterarisch erzählten Episoden sind Exempel oder Illustrationen für die kommentierenden Partien, also im Wesentlichen die Kritik unserer Zeit. Man könnte Houellebecq’s Roman auch eine essayistische Elegie in erzählten Lebens(lauf)-Bildern nennen.

Die Erzähl-Idee im Hinblick auf das Romanpersonal: Bruno und Michel verkörpern zwei verschiedene Lebensstrategien, die in einem wichtigen Punkt sehr ähnlich sind: Beide wachsen ohne Elternliebe auf, sie sind Opfer einer durch übersteigerten Individualismus deformierten Gesellschaft, beide sind unfähig zu lieben. Während Bruno, ein von Anfang an frustrierter Gymnasiallehrer, wie ein priapistischer Satyr in lauter Wichs- und Fick-Erlebnissen dahinvegetiert, sehnt sich Michel, der ein bedeutender Genforscher wird, nach echter herkömmlicher Liebe, aber er ist im sinnlichen Leben zu antriebsschwach. Für Bruno ist die sexuelle Liebe die einzige Lebensdroge, er hat Angst vor dem körperlichen Verfall, vor dem Verlust seiner Potenz, seiner einzigen Lebenskraft, sein Leben bleibt leer. Er glaubt an nichts außer an seinen Körper – l’arsch pour l’arsch. Sein Streben nach Individualismus scheitert in vulgärem Materialismus. Er will die offene Gesellschaft, die Welt als Bordell auf Gegenseitigkeit. Bruno endet, konsequent, in einer psychiatrischen Klinik, nachdem die zum Rollstuhlkrüppel gewordene Frau, mit der er das Alter gemeinsam ertragen wollte, sich umgebracht hat. In der Klinik verliert er den sexuellen Trieb durch Psychopharmaka, aus seiner Sicht ist er da schon tot.

Houellebecq zeigt an Bruno das Scheitern des Individualismus. Bruno sucht sein Heil offensiv, aber selbstbetrügerisch, was er nie erkennt, in einem biologistisch orientierten Materialismus, karikiert als Körperkult, wo er weder sich noch irgendeinen Halt findet.

Michel scheitert anders – aber er scheitert nicht nur. Michel repräsentiert das Gegenteil der Lebenseinstellung Brunos. Er findet (begrenzten) Lebenssinn in der Wissenschaft, kommt aber, teils wegen des übersteigerten Rationalismus, nicht zu einem sinnlich erfüllten Leben. Houellebecq gibt ihm zwar zehn Jahre vor seinem Tod die Chance für ein gemeinsames Leben mit seiner Jugendfreundin Annabelle, aber Michel entscheidet sich für die Wissenschaft, auch Annabelle stirbt. Der Tod Christianes und Annabelles ist vielleicht ein subtiles Spiel Houellebecq’s mit den retardierenden Momenten und der tragischen Ironie, in jedem Fall ein Spiel mit der Hoffnung und der curricularen Wahrscheinlichkeit. Michels Materialismus ist im Unterschied zu Brunos privatistischem Geschwätz und selbstzerstörerischen Narzissmus wissenschaftlich fundiert. Mit Michel widerlegt Houellebecq den von Bruno behaupteten Individualismus. Michel konzentriert sich auf das Materielle außer ihm, nicht in ihm. Er verliert sich zwar in der wissenschaftlichen Unendlichkeit, er weiß, dass es keine Wahrheit geben kann – aber er nimmt aktiv teil am Erkenntnisprozess. Er verneint sich als letzten Repräsentanten der alten Welt, um das Leben aufzuheben in einer neuen Welt. Michel opfert sich nicht auf wie frühere Generationen im Lebenskampf für ihre Familie oder für eine übergeordnete Idee. Houellebecq opfert Michel und lässt ihn gleichzeitig siegen, weil er an die überlegene Kraft des wissenschaftlichen Geistes glaubt.

Der Titel des Romans deutet das an. Elementarteilchen sind ein wichtiger Begriff in der Physik, Chemie und Molekularbiologie. Houellebecq baut seine Utopie auf die sich abzeichnenden Möglichkeiten der Genforschung, aber er gebraucht den Begriff auch als Metapher seines belletristisch arrangierten Philosophierens.

„Du verfügst über Erinnerungen aus verschiedenen Augenblicken deines Lebens“, sagte Michel... „Alles, was du zum Beispiel über Caroline Yessayan weißt, hat sich mit großer Genauigkeit auf jene wenigen Sekunden verdichtet, in denen deine Hand auf ihrem Schenkel lag. Die stimmigen Geschichten von Griffith sind 1984 eingeführt worden, um Quantenmessungen in Wahrscheinlichkeitsdarstellungen zu verbinden.“ (I, 11)
Houellebecq verwendet quantenphysikalische Begriffe für das curriculare Selbstverständnis. Es gibt logisch in sich stimmige Geschichten von Erinnerungen, aber keine mit dem Anspruch auf Wahrheit.

„Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Kein Mensch hat je sein eigenes Fleisch gehasst, im Gegenteil, er nährt und pflegt es, wie Christus es mit der Kirche getan hat; denn wir sind Glieder desselben Körpers, wir sind von seinem Fleisch und von seinem Bein...“, sagt der Pfarrer, als er Bruno und Anne traut. „Wenn zwei Elementarteilchen vereint worden sind, bilden sie fortan ein unteilbares Ganzes...“, sagt Michel zum Pfarrer (II, 12).
Dieser Vergleich, der die Ehe und die Theologie („Sie werden sein ein Fleisch“) ironisiert, ist zugleich ein subtiles Spiel mit der Vernetzung von Psychologie, Religion, Gesellschaft und Genetik, ein Spiel mit den alten Formeln der alten Welt, die schon lange nicht mehr gelten.

Die Bildhaftigkeit der Elementarteilchen gilt auch für die hier erzählten Lebensgeschichten von Bruno und Michel. Ihre stimmigen Geschichten hätten auch andere sein können, zusammengesetzt aus anderen erinnerten Erlebnissen (Messungen), die Wahrscheinlichkeit hätte auch andere Erinnerungen ermöglicht (‚Schicksal’), Annabelle hätte sich für Michel entscheiden können, Christiane und Annabelle hätten nicht sterben, Bruno hätte nicht geisteskrank werden müssen.

„Das diskrete atomare Phänomen des Eletronenaustauschs zwischen den Neuronen und den Synapsen im Inneren des Gehirns ist im Prinzip der Quantenunschärfe unterworfen...“ (I, 15)
Ist das eine heimliche Theorie des modernen Romans, in der die ‚Entscheidungen’ des Autors relativiert werden zu Handlungen, die weder frei noch undeterminiert sind, zufällig und notwendig zugleich? Sind dann die stimmigen Geschichten der Romane nichts anderes als zu rekonstruierende Gleichnisse der Zukunft?

Mit der unglaublich polemischen Groteskisierung des Körperlichen verweisen manche Episoden auf Kafka, im Unterschied zu Kafka aber gelingt der Ausblick auf Überwindung der Ängste. Die Leichtigkeit, mit der Houellebecq erzählt, verdankt sich der Dialektik des Stils – philosophierende Abschnitte erläutern die illustrierenden Handlungen –, der frischen Sprache und dem trefflichen Slang in den Wortfeldern des Sexuellen, vor allem in der Darstellung der großen weiten Welt der Liebes-Industrie.

„Inmitten des Selbstmords der westlichen Welt“ haben wir keine Chance, meint Houellebecq (II, 19). Er schildert in den drei Teilen seiner Romanhandlung die Macht des Körpers über das Leben – Bruno erliegt den Kräften der Sexualität und findet weder Liebe noch Selbsterkenntnis. Michel, der viel zu sensibel für das Leben ist und erkennt, dass es keinen Sinn gibt außer einer wissenschaftlichen Sinnsetzung, verweigert sich der Liebe und flieht vor der Macht der Physis in die Physik – er erringt im utopischen Rahmen den Sieg des Geistes über den Körper.

Houellebecq’s Roman ist die Fortsetzung Huxley’s mit genetischen Mitteln:
„DIE WANDLUNG FINDET NICHT IM GEIST STATT, SONDERN IN DEN GENEN.“, schreibt der Erzähler in der Nachrede. Das bedeutet die Abschaffung der bisherigen Menschheit.

Der Roman – einer der besten, spannendsten, geistvollsten und anregendsten der letzten Jahrzehnte – endet mit den Worten: „Dieses Buch ist dem Menschen gewidmet.“ Der fiktive Autor, der bereits den neuen Menschen repräsentiert, meint hier zwar den überwundenen Menschen, aber der wirkliche Autor ist Houellebecq. Er meint uns. SAPERE AUDE!

Intragna, 21.7.2006
Ulrich Bergmann
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