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Zentrales Besprechungsorgan von keinVerlag.de Ausgabe 155/2008 - Thursday, 21. August 2008
Ein atemberaubendes Unterwasserdrama
Clancy, Tom: Jagd auf Roter Oktober. Heyne, 1984 - Eine Rezension von Selene

Bibliografische Daten:
Verlag: Heyne
Erscheinungsjahr: 1984
Preis: 8,95 Euro
ISBN: 3453189795

Im Jahre 1984 wird das strategische Gleichgewicht zwischen den konkurrierenden Supermächten USA und UdSSR gestört, indem sich der Kapitän des modernsten und gefährlichsten Atom-U-Bootes der roten Marine, genannt „Roter Oktober“, dazu entschließt, die Seiten zu wechseln und dem Sowjetregime den Rücken zu kehren. Eine gnadenlose Jagd im Nordatlantik beginnt, denn nicht nur die Sowjetunion, sondern auch die USA sind an „Roter Oktober“ und seinem neuartigen Antriebssystem interessiert.
Sicherlich ist dieser Titel durch die Verfilmung mit Sean Connery und Alec Baldwin bekannt, doch die literarische Vorlage trumpft auf mit wesendlich mehr Details, Hintergrundinformationen und noch dichterer Atmosphäre.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen der russische Kapitän von „Roter Oktober“, Marco Ramius, und der amerikanische CIA Agent Jack Ryan.
Mitten im Kalten Krieg hat Russland ein Atom-U-Boot entwickelt, welches aufgrund eines so genannten „Raupenantriebs“ mit einem gewöhnlichen Sonar nicht mehr geortet werden kann, und sich somit als ideale „Erstschlagswaffe“ anbieten würde.
Doch kaum befindet sich „Roter Oktober“ auf seiner Jungfernfahrt auf See, erhält das Politbüro im Kreml die Nachricht, dass Marco Ramius gewillt ist, überzulaufen und sein Schiff an die USA zu übergeben.
Sofort mobilisiert die UdSSR ihre komplette Nordflotte, um Ramius aufzuhalten und lässt den USA die Information zukommen, sie würden lediglich ein vermisstes U-Boot suchen.
Zeitgleich arbeitet in den USA der CIA Agent Jack Ryan daran, seine Vorgesetzen davon zu überzeugen, dass das Unterseeboot, welches ein amerikanisches U-Boot per Zufall - gefährlich nahe vor der amerikanischen Küste - hat ausfindig machen können, tatsächlich „Roter Oktober" ist, und dass der Kapitän sie nicht - wie von der US-Regierung befürchtet - mit Nuklearwaffen angreifen, sondern überlaufen möchte.
Jack Ryan setzt alles daran den Russen bei der Verfolgung zuvor zu kommen – vor allem Ramius’ ehemaligem Schützling, dem U-Boot-Kapitän Tupolev.
Es gelingt Ryan schließlich ein Treffen mit Ramius an Bord von „Roter Oktober“ zu vereinbaren. Was bisher allerdings niemand weiß, ist, dass sich auch ein Saboteur unter der Mannschaft befindet und sich Tupolev, mit dem Befehl „Roter Oktober“ zu versenken, dem Geschehen nähert.

Sehr viele militärische und politische Informationen, sowohl fiktiver, als auch historisch belegter Natur, vereinen sich in diesem spannenden Polit-Thriller mit Gänsehautfaktor.
Auch wenn es sich bei dem Geschehen im Buch um ein fiktives Ereignis, während des Kalten Krieges handelt – „Roter Oktober“ ist eine niemals erbaute Modifikation der real existierenden Typhoon-U-Boot-Klasse der Sowjets- so bietet dieses Buch doch sehr reale Einblicke in das Verhältnis der verfeindeten Blöcke, und der Menschen zu jener Zeit.
Auf der einen Seite steht Marco Ramius, ein gebürtiger Litauer, welcher zusammen mit seinen Offizieren – aus den verschiedensten persönlichen Gründen - überlaufen möchte und schlichtweg die Nase voll hat vom sowjetischen Regime.
Die Figur des Marco Ramius ist sehr tiefgründig und vielschichtig skizziert. Nach außen hin gibt er das Politbüromitglied, den systemtreuen Vorzeigekapitän, der bereits mit vielen Auszeichnungen und Orden dekoriert ist, aber im inneren ist er absolut nicht mehr vom Kommunismus und dem System der UdSSR überzeugt.
Auf der anderen Seite steht Jack Ryan, ein passiver CIA Agent, der eigentlich von maritimen Dingen keinerlei Ahnung hat und nur Bücher für die CIA schreibt und mit ganz gewöhnlichen familiären Problemen zu kämpfen hat, z.B., dass er seine Tochter nur selten sehen kann. Er ist zunächst der Einzige, der wirklich daran glaubt, dass Ramius keinen nuklearen Angriff plant und der schlussendlich alle Hebel in Bewegung setzt, um Ramius und sein Schiff zu retten.

Die Art und Weise, wie Clancy die Situationen beschreibt, ist sehr angenehm, anschaulich und vor allen Dingen vielschichtig.
Viele Szenenwechsel erlauben dem Leser Einblicke in das Geschehen auf allen Seiten. Dieses Ausleuchten der Verhältnisse aus mehreren Blickwinkeln verrät viel über die Beweggründe und Gedankengänge der involvierten Parteien.
So ist der Leser sowohl dabei, als die Nachricht von Ramius Verrat im Kreml eingeht, als auch in der CIA Hauptzentrale, wo Agent Ryan versucht seinen Standpunkt zu verteidigen. Ebenso erfährt der Leser, wie es an Bord von "Roter Oktober" zugeht, welche Ängste Ramius durchsteht und was seine Motive und Pläne sind.
Der Leser befindet sich also den agierenden Personen im Buch gegenüber im Vorteil, denn er weiß beispielsweise von Anfang an, dass Ramius nicht verrückt geworden ist und die USA angreifen will, sondern wirklich überlaufen möchte, und dass die Informationen des Kremls schlichtweg erfunden sind.
Man fiebert aufgrund dieses Wissens, welches die agierenden Personen nicht haben, umso mehr mit, ob denn nun auch sie auf des Rätsels Lösung kommen werden.
Man erhält durch den oftmaligen Wechsel der Orte und Perspektiven Einblicke in alle Seiten des Geschehens, wobei Clancy die wichtigsten Charaktere sehr differenziert darstellt.
Es sind keine Klischee- bzw. stereotypischen Russen, oder Amerikaner, welche hier agieren.
Sie alle haben ihre ganz persönlichen, eigenen Motive, Gedanken und Ängste.
Dennoch muss gesagt werden, dass „Jagd auf Roter Oktober“ ein durchaus amerikanisch geprägtes Buch ist, bzw., ein Buch aus amerikanischer Sicht geschrieben. Die Russen werden zwar nicht verteufelt, aber es wird doch durchaus der Kapitalismus als besseres System darstellt, indem z.B. die Offiziere von „Roter Oktober“ von amerikanischen Konsumgütern und beispielsweise einem Häuschen in Montana träumen.
Dies allerdings tut dem Buch keinerlei Abbruch, und ist im gewissen Sinne sogar notwendig, um die Beweggründe einiger Offiziere aufzuzeigen. Das Buch ist nicht in der sonst für die USA so typischen patriotischen Manier geschrieben.
Einzig negativ anzumerken wären die sehr vielen militärischen und technischen Fachausdrücke.
Nach Lektüre dieses Buches fühlt man sich selbst schon fast wie ein kleiner Atomreaktoringenieur, oder Spezialist für Kernwaffen. Doch auch, wenn man nun nicht weiß, welcher Art U-Boot-Typ dieses, oder jenes Schiff nun angehört, dem Leseverständnis und der Spannung tut dies keinen Abbruch.
Denn, wie bereits angesprochen, arbeitet das Buch sehr anschaulich und spannend - wenn auch Bezug nehmend auf ein niemals geschehenes Ereignis - das Verhältnis zwischen den Blöcken auf.
Die allgegenwärtige Angst auf beiden Seiten vor einem nuklearen Erstschlag, das gewollte Zuspielen falscher, oder verdrehter Informationen zwischen den Ländern, das immer weiter auf die Spitze getriebene Wettrüsten, die Unzufriedenheit der Menschen in der UdSSR.
All dies wird, den eigentlichen Handlungsablauf umwebend, angesprochen.
Anzumerken sei noch, dass das Buch, trotz viel Fiktion, doch einen historisch belegten Kern hat. Inspiriert wurde Clancys Roman durch die Meuterei auf der sowjetischen Fregatte "Storoschewoi" im Jahre 1975. Allerdings fand dieses historische Ereignis kein solch glimpfliches Ende, wie „Jagd auf Roter Oktober.“
Die "Storoschewoi" wurde von einem sowjetischen Flugzeug attackiert und die Hauptverantwortlichen, allen voran der Politoffizier Sablin, unter Arrest gestellt.

Alles in allem ist „Jagd auf Roter Oktober“ ein spannendes und packendes Buch, mit vielen unerwarteten Wendungen und tiefem Einblick in die damaligen Verhältnisse und die agierenden Personen.
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