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Zentrales Besprechungsorgan von keinVerlag.de Ausgabe 154/2008 - Sunday, 17. August 2008
Durchaus gut zu lesen, in angenehmer Sprache verfasst
Harris, Robert: Enigma. München (Heyne), 1996 - Eine Rezension von Selene

Bibliografische Daten:
Verlag: Heyne
Ort: München
Erscheinungsjahr: 1996
Preis: 8,95 Euro
ISBN: 3453115937

Die Handlung des Buches findet zur Zeit des zweiten Weltkrieges, im Jahre 1943 statt, und geht recht detailliert auf die Themen U-Boot-Krieg, Kryptoanalytik und Dechiffrierungen ein.
Im Zentrum des Geschehens steht der junge Codeknacker Thomas „Tom“ Jericho, der zusammen mit einem Team von Mathematikern, im Dechiffrierungszentrum des englischen Geheimdienstes „Bletchley Park“, versucht, die Funksprüche deutscher U-Boote im Nordatlantik zu entschlüsseln, die mit Hilfe einer angeblich unknackbaren Maschine namens „Enigma“ codiert sind. Von diesen Männern hängt es ab, ob England weiterhin Widerstand leisten, und Nachschub aus Amerika erhalten kann, oder nicht.
Jedoch hat er nicht nur mit mathematischen Problemen zu kämpfen.
Seine frühere Freundin Claire Romilly ist auf mysteriöse Weise verschwunden und mit ihr einige deutsche, nicht dechiffrierte Funksprüche, was den Verdacht der Spionage, oder des Verrats nahe legt.
Zusammen mit Claires Mitbewohnerin Hester Wallace macht sich Tom auf, das Verschwinden Claires und das Geheimnis der noch verschlüsselten Funksprüche zu lüften, und kommt dabei einem Verräter in den eignen Reihen, und einer unangenehmen Wahrheit auf die Schliche.

Das Buch endet mit zwei unerwarteten Auflösungen, welche miteinander zusammenhängen und teils gut, teils weniger gut geglückt sind.
Und genau hier ist der Punkt, der nicht jedem Leser gefallen mag.
Zum einen verarbeitet das Buch sehr detaillgetreu und historisch korrekt - wenn auch mit ausschließlich rein fiktiven Charakteren - das Thema der englischen Dechiffrierungsarbeit, während des zweiten Weltkrieges. Man fühlt sich durch Harris Beschreibung regelrecht in die engen Baracken hineinversetzt, man riecht förmlich die miefige, stickige Luft, hört das Klacken der Dechiffrierungsmaschinen und fiebert mit, ob das Codeknacken gelingen mag, und was es nun mit diesen ominösen Funksprüchen auf sich hat.
Die Auflösung dieses Rätsels ist historisch belegt, beim Inhalt der Funksprüche handelt es sich um eine Meldung über das „Massaker von Katyn“, wo die rote Arme, während des Hitler-Stalin-Paktes, Massenmord an polnischen Generälen beging. Dieses Wissen erweist sich als äußert heikel, da 1943 Russland bereits zu den Verbündeten der Alliierten zählte. Die englische Regierung will dieses Verbrechen also um jeden Preis vertuschen.
Diese Auflösung ist gut in das Buch integriert und lässt das Handeln einiger Charakter am Ende hin klarer und logisch erscheinen.
Ein Manko auf der anderen Seite ist die Liebesgeschichte zwischen Claire und Tom, welche ausschließlich in Rückblenden erzählt wird. Nebst der Geschichte um den Krieg im Atlantik, tritt parallel Claire auf den Plan, sodass man sich zunächst in zwei separaten Geschichten - eine im Hier und Jetzt, eine in der Vergangenheit - wähnt, welche letztlich aber ineinander übergehen und verschmelzen, da Claire nicht die ist, die sie zu sein scheint und die Funksprüche aus einem bestimmten Grund mitnahm.
Die Auflösung des Verschwindens Claires erscheint letztendlich jedoch nicht wirklich befriedigend.
Das Handeln Claires bleibt auch am Ende teils undurchsichtig, ebenso mag die Auflösung selbst dem Leser als befremdlich erscheinen.
Es hätte vollkommen ausgereicht, Tom auf die Schliche des Massenmordes von Katyn kommen zu lassen, stattdessen hängt er seiner Verflossenen hinterher – die ihn zuvor sogar in den Nervenzusammenbruch trieb- und enttarnt nebenbei auch noch einen Verräter in den eignen Reihen (den es wohlgemerkt in Bletchley Park niemals gegeben hat).
Ebenfalls anzumerken sei noch, dass eine recht große Zahl an Charakteren auftritt, mit mehr oder weniger großer Relevanz für das Geschehen im Buch, sodass es etwas Zeit benötigt, um durch die Beziehungen, oder auch Nichtbeziehungen der einzelnen Charaktere zu finden.

Im Generellen kann jedoch gesagt werden, dass "Engima" durchaus gut zu lesen, in angenehmer Sprache verfasst ist und auch die Stellen, in denen es um mathematische Feinheiten geht, sind, selbst wenn man nicht an Mathematik und Kryptoanalaytik interessiert ist, gut aufgearbeitet. Man versteht als Mathematiklaie sicherlich nicht alles, was darüber gesagt wird, aber auf das Gesamtverständnis des Buches hat dies keinerlei Auswirkungen.
Nebenbei erfährt der Lesen auch sehr genau, wie das Leben zu jener Zeit in England aussah und dies beschränkt sich nicht nur auf Bletchley Park.
Sehr informativ sind auch die Passagen über den U-Boot Krieg im Atlantik und die Arbeit der Kryptoanalytiker, wobei gesagt werden muss, dass beides zwar thematisiert, aber nicht allzu sehr in den Vordergrund geschoben wird. Im Vorgrund stehen das Verschwinden Claires und das Geheimnis der Funksprüche.
Auch wenn man letztlich ein wenig enttäuscht, zumindest über die eine Auflösung sein könnte, so bietet dieses Buch doch Spannung bis zum Schluss.

Ein spannender Thriller mit Köpfchen, aufgrund der Thematik jedoch sicherlich nicht jedermanns Geschmack.
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